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Digitales Zentralbankgeld – mögliche Auswirkungen

Anfang Oktober veröffentlichte die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Bericht zur Begutachtung eines digitalen Euros. EZB-Präsidentin Christine Lagarde unterstrich dazu die Kernaufgabe der EZB: „Das Vertrauen in unser Geld sichern“. Es gelte zu gewährleisten, dass „der Euro für das digitale Zeitalter gerüstet ist“. Mit diesem Bericht will sich die EZB auf entsprechende Einführung eines digitalen Euros vorbereiten. Dennoch hält man sich „offen, ob und wann dies geschehen sollte“. Ähnlich klangen die Worte des US-Notenbank Chefs Jerome Powell, der in der aktuellen monetären Entwicklung einen klaren Handlungsbedarf sieht. Dennoch seien jedwede Schritte für eine digitale Währung mit äußerster Vorsicht vorzunehmen. Warum werden nun Stimmen über digitales Zentralbankgeld offenkundig lauter? Welche Rolle spielt dabei die monetäre Entwicklung?

 

Trend zur Digitalisierung der Zahlung

Finanztechnisch auffallend ist die erhöhte Nachfrage nach elektronischen Zahlungsmitteln – charakterisiert durch eine schnelle, direkte und teils anonyme Abwicklung. Allein 98 Mrd. Zahlungen im Euroraum wurden im vergangenen Jahr bargeldlos abgewickelt. Dabei war mit 48% fast jede zweite Zahlung eine Kartenzahlung. Momentan prüft der Zahlungsanbieter Paypal, ob er sein Geschäft ausbaut und seinen Kunden künftig einen Zugang zu Bitcoin oder anderen digitalen Währungen anbietet. Eine Zusammenarbeit mit den Zentralbanken schließt Firmenchef Dan Schulman dabei nicht aus. Auch das Social Media Netzwerk Facebook beschäftigt sich derzeit mit einer eigenen digitalen Währung: „Libra“ soll Nutzern den Zugang zu Finanzdienstleistungen sichern – insbesondere in infrastrukturarmen Regionen. Für die Zahlungsabwicklung hat Facebook eigens ein Unternehmen mit dem Namen Novi gegründet.

 

Ziele des digitalen Zentralbankgelds

Den Funken für das plötzliche Interesse der Zentralbanken könnte die drohende Privatisierung des Zahlungsverkehrs entfacht haben. Diese Entwicklung hätte das Potential für einen Machtverlust der Zentralbanken: Wird geldpolitischer Handlungsspielraum durch eine Privatisierung des Zahlungsverkehrs entzogen, verliert ihre Geldpolitik an Effizienz. Jede Transaktion, die über einen privaten Zahlungsanbieter (wie Paypal) abgewickelt wird, ist für die EZB schwieriger nach zu vollziehen und zu regulieren. Denn hierbei fungieren die Zentralbanken nicht mehr als Schnittstelle. Dies gilt analog für Cyberwährungen wie Bitcoin oder auch Libra. Weltweit prüfen Notenbanken daher, neben der Regulierung von digitalen Währungen, auch die mögliche Etablierung eines eigenen, digitalen Zentralbankgelds (Central Bank Digital Currency – CBDC). Konkret macht der Präsident der Deutschen Bundesbank, Jens Weidmann, die Entscheidung über CBDC an diesen Fragen fest: „1) Was wollen die Notenbanken damit erreichen? 2) Kann dies erfolgen, ohne dabei andere Zielsetzungen der Zentralbank, wie die Preisstabilität, zu gefährden?“

 

Wertbasiert oder kontobasiert?

Klar ist, dass die Zentralbanken danach trachten, ihren geldpolitischen Einfluss zu verteidigen. Auch wollen sie, neben der Verwaltung des Geldes, den Bürgern ein sicheres Zahlungsmittel für ihre Transaktionen zur Verfügung stellen. Technisch wird zwischen zwei Arten digitaler Währungen unterschieden: Ein wertbasiertes (value-based) und ein kontobasiertes (account-based) System. Bei der wertbasierten Form könnten die Bürger – ähnlich wie beim Bargeld – einen von der Zentralbank ausgegebenen Token erhalten. Dieser wäre nicht nur anonym, sondern auch digital als Wertrepräsentant einzusetzen. Damit gäbe es eine digitale Alternative zum analogen Bargeld. Kontobasiertes Zentralbankgeld könnte hingegen als Erweiterung des geldpolitischen Instrumentariums verstanden werden. In diesem Fall erhalten Privathaushalte und Unternehmen ein Konto, das nicht bei den Geschäftsbanken sondern direkt bei der Zentralbank geführt wird.

 

Hypothetische Entwicklungen

Entlang der Diskussion sind sich Politik und Ökonomen einig, dass die Akzeptanz von digitalem Zentralbankgeld derzeit nur schwer einzuschätzen ist. Vor allem lassen sich die Auswirkungen auf den Finanzmarkt kaum prognostizieren. Der private Sektor könnte beim kontobasierten System einen erhöhten Drang zur digitalen Form des Geldes auslösen, da es höhere Sicherheit und Flexibilität bietet. Hierbei entstünde der Wunsch, Bargeld zu transferieren. Für die Geschäftsbanken hätte dies keine Auswirkung auf ihre Bilanzen. Auch bei der Zentralbank wäre es nur ein reiner Passivtausch – weg vom Bargeld, zum digitalen Zentralbankgeld.

Bei den Geschäftsbanken führt die Verlagerung von privaten Einlagen zu digitalem Zentralbankgeld hingegen zu einer Reduktion der Einlagen. Dies spiegelt sich dort in einer Verkürzung der Bilanz wider. Damit wäre die Zentralbank stärker mit dem privaten Sektor verknüpft. Um diesen Liquiditätsabfluss und somit den Refinanzierungsengpass bei den Geschäftsbanken zu minimieren, könnte man eine Zinsdifferenz zwischen Einlagen und digitalem Zentralbankgeld nutzen. Insgesamt wäre es ein weiterer geldpolitischer Entscheidungsparameter für die Zentralbank. Denn ebenso wie Bargeld verkörpert digitales Zentralbankgeld ein risikoloses und jederzeit zugängliches Asset. Allerdings hätte CBDC einen Zinssatz. Dieser würde die Untergrenze aller übrigen Zinssätze bilden. Neben dem Zinssatz für digitales Zentralbankgeld bliebe der Leitzins ein weiterhin unabhängiges Instrument der Zentralbanken. Eine mögliche Ausgestaltung wäre eine Mengenrestriktion zur Umwandlung von Einlagen in digitales Zentralbankgeld.

 

Mögliche Folgen im Fokus

Zwar erhalten die Zentralbanken mit einer eigenen digitalen Währung ein neues geldpolitisches Instrument. Allerdings könnten sie auf dieser Basis auch eine Destabilisierung im Finanzmarkt auslösen. Das Risiko einer allgemeinen Bankenkrise würde steigen, wenn es Geschäftsbanken langfristig nicht gelingt, Einlagen zu halten oder andere Fremdmittel zur Refinanzierung zu sichern. Die genaue Wirkung des digitalen Zentralbankgelds ist derzeit kaum abschätzbar. Sie impliziert ebenso die Unsicherheit über makroökonomische Auswirkungen. Daher ist eine vorzeitige Etablierung für die Zentralbanken sehr schwierig. Erste Versuche einer digitalen Währung, wie in Schweden (e-Krona) oder China (e-Yuan), werden sicherlich mit besonderer Aufmerksamkeit beobachtet.