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KW 15/22 – Unser Chefvolkswirt kommentiert

Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank treffen sich in dieser Woche zu ihrer Frühjahrstagung, bei der auch die Präsidenten großer Zentralbanken teilnehmen. Im Zentrum steht dabei die Veröffentlichung der Prognose für das Wachstum der Weltwirtschaft. Im Januar hatte der IWF bereits seine Prognose auf 4,4% gesenkt. Aufgrund des Krieges in der Ukraine, der damit einhergehenden anhaltenden Materialknappheit und hoher Inflationsraten ist wohl mit einer weiteren Herabstufung des Wachstums zu rechnen.
Interessant bei der Veröffentlichung wird insbesondere sein, in welchen Regionen der Welt das Wachstum um welchen Grad herabgestuft wird. In den USA, das bekanntlich geographisch weit weg vom Krieg ist und weniger abhängig von ausländischen Energielieferungen ist, könnte die Revision daher etwas glimpflicher ausfallen. Dazu kommt, dass die Daten, die in der vergangenen Woche veröffentlich wurden, einen wenig pessimistischen Eindruck vermitteln. Die US-Verbraucherpreise stiegen im März zwar weiter um 1,2% gegenüber dem Vormonat bzw. um 8,5 % gegenüber dem Vorjahresmonat, was den stärksten Anstieg seit 1981 darstellt. Die Kernpreise (ohne Energie und Lebensmittel) legten jedoch etwas langsamer als erwartet zu, was eine leichte Entspannung signalisierte und positiv aufgenommen wurde. Auch scheinen die Verbraucher, zumindest vorerst, zu einem gewissen Maße inflationsresistent zu bleiben. Der vielbeachtete Konsumklimaindex der Universität von Michigan verbesserte sich nämlich unerwartet stark. Ökonomen hatten sogar mit einem leichten Rückgang gerechnet. Gleichzeitig stiegen die Einzelhandelsumsätze im März um 0,5% gegenüber dem Vormonat, nachdem das Wachstum im Februar von 0,3% auf 0,8% nach oben revidiert worden war. Auch ein regionaler Index für das verarbeitende Gewerbe erholte sich stärker als erwartet. Ebenso stieg die Industrieproduktion im März um 0,9% gegenüber dem Vormonat und damit stärker als erwartet, nachdem sie im Februar um 0,9% nach oben korrigiert worden war.
Fed-Gouverneur Christopher Waller ließ passend dazu verlauten, dass die US-Wirtschaft eine aggressive Straffung der Geldpolitik verkraften könne, während er seine Unterstützung für eine Anhebung der Zinssätze um einen halben Prozentpunkt im nächsten Monat bekräftigte. Mitglieder des Notenbankrats hatten zuvor gesagt, dass dieser Zins-Straffungszyklus schneller als in früheren Konjunkturaufschwüngen verlaufen werde. Dies werde auch durch eine Anhebung der Zinssätze in größeren Schritten von 50 Basispunkten geschehen, falls es erforderlich sein sollte, um die ansteigende Inflation einzudämmen. Der Präsident der Fed von St. Louis, James Bullard, sagte, die Zentralbank werde die Zinsen sogar so stark anheben müssen, damit sie das Wachstum bremsen. Nur so könne die Inflation eingedämmt werden.
Die Europäische Zentralbank (EZB) blieb bei ihrer Versammlung in der vergangenen Woche hingegen etwas zurückhaltender. Sie hielt auf ihrer Sitzung an ihrem schrittweisen Zeitplan für die Beendigung der Anleihekäufe im dritten Quartal fest, ohne ein konkretes Datum für die Anhebung der Zinssätze zu nennen, obwohl der Inflationsdruck in der Eurozone ebenfalls zunimmt. „Die Aufwärtsrisiken für die Inflationsaussichten haben sich verschärft“, gab Präsidentin Christine Lagarde jedoch zu und fügte hinzu, dass die Inflation höher bleiben könnte, wenn die Preiserwartungen weiter steigen und sich die Lieferengpässe verschärfen. „Sollte sich die Nachfrage in den kommenden Monaten jedoch abschwächen, würde dies den Inflationsdruck abschwächen“, sagte sie.
Eine Abschwächung ebendieser Nachfrage könnte es durchaus geben. Die hohen Preissteigerungen, die beispielsweise für Deutschland in der vergangenen Woche bei 7,3% für den März bestätigt wurden, führen zu einem Abschmelzen der Kaufkraft der Bürger und könnten so den Konsum dämpfen. Dies sehen auch die fünf führenden deutschen Wirtschaftsinstitute so, die jüngst in ihrem Frühjahrsgutachten die Wachstumsprognose für Deutschland nach unten gesetzt haben. Ihr Hauptszenario („Basisszenario“) für das BIP-Wachstum in diesem Jahr haben sie dabei von 4,8% auf 2,7% gesenkt. Außerdem schätzen sie, dass ein plötzlicher Stopp der russischen Energielieferungen das Wirtschaftswachstum auf 1,9% im Jahr 2022 verlangsamen könnte und sogar in einem solchen Krisen-Szenario zu einem Rückgang der Wirtschaftsleistung in Höhe von 2,3% im Jahr 2023 (gegenüber +3,1% Wachstum im „Basisszenario“) führen würde.
Der Ausblick für das Wirtschaftswachstum bleibt also höchst ungewiss. Viel wird dabei von der weiteren Entwicklung in der Ukraine abhängen. Dies gilt vor allem für die europäische Wirtschaft. Abzulesen ist diese Unsicherheit bereits am genannten Frühjahrsgutachten der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute. Zwischen dem „Basisszenario“, in dem fortgesetzte Gaslieferungen und keine weiteren ökonomischen Eskalationen angenommen werden, und dem „Alternativszenario“, bei dem es zu einem sofortigen Stopp russischer Gaslieferungen kommt, liegen über fünf Prozentpunkte Unterschied im Wirtschaftswachstum für 2023. Das ist eine enorme Spannweite. Interessant wird daher sein, wie die Einschätzungen des IWF in dieser Woche dazu sein werden und wo er sich in dieser Spanne positionieren wird.