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KW 16/22 – Unser Chefvolkswirt kommentiert

Der Krieg in der Ukraine hat neben dem menschlichen Leid auch den weltwirtschaftlichen Ausblick verdüstert. In der vergangenen Woche stand das Treffen des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank im Rampenlicht und deren Prognosen für das Wachstum der Weltwirtschaft (siehe auch unseren Fokusartikel). Doch Prognosen sind bekanntermaßen ungewiss, insbesondere solche die auf die Zukunft gerichtet sind. Volkswirte blicken daher gerne auf Frühindikatoren, um abzuschätzen wie schlimm es wirklich kommt.
Im Euroraum verbesserte sich der Einkaufsmangerindex (PMI) im April entgegen den Erwartungen. Gemessen am Durchschnitt des ersten Quartals signalisiert der Frühindikator sogar eine leichte Wachstumsbeschleunigung. Die Stimmung im verarbeitenden Gewerbe trübte sich zwar ein, doch dies wurde mehr als aufgewogen durch die wachsende Zuversicht im Dienstleistungssektor. Letzterer profitierte vom schwindenden Einfluss der Pandemie während die Industrie weiterhin unter hoher Inflation und Lieferkettenstörungen leidet.
Beide Faktoren dürften der Industrie kurzfristig weiter zusetzen, auch wenn die Inflation im März statt der anfänglich gemeldeten 7,5% im Jahresvergleich tatsächlich „nur“ um 7,4% angestiegen war. Laut PMI Umfrage bleibt die Inflation ein beherrschendes Thema. Der Anstieg der Preise für Güter und Dienstleistungen war so groß noch nie in der Historie des Indikators. Passend dazu war der Anstieg der Produzentenpreise in Deutschland. Im März verzeichneten diese mit fast 5% im Monatsvergleich den stärksten Zuwachs seit 1949.
Normalerweise belastet hohe Inflation das Verbrauchervertrauen. Aber dieses konnte sich im April unerwarteterweise leicht verbessern, wie die Europäische Kommission in ihrer monatlichen Umfrage meldete. Allerdings ist hinzuzufügen, dass das Niveau des Verbrauchervertrauens immer noch sehr gedrückt ist. Ohnehin ist die Interpretation dieser Umfrage schwierig. Veranlassen steigende Preise die Haushalte dazu, ihren Konsum vorzuziehen, bevor es noch teurer wird? Oder überwiegt die Sorge vor einer wirtschaftlichen Eintrübung und führt damit zu Konsumzurückhaltung? Eine erste Indikation, welcher Effekt überwiegt, können die Einzelhandelsumsätze für den Monat März liefern. Diese Zahlen werden für Deutschland Anfang Mai berichtet. Der Konsens der Analysten rechnet mit einem moderaten Zuwachs von 0,4% im Monatsvergleich, nachdem im Februar ein revidiertes Plus von 0,2% verbucht wurde.
Neben den Frühindikatoren und der Inflation wird der Konjunkturausblick auch durch die Politik stark beeinflusst. Fiskalische Maßnahmen wie Steuersenkungen, Transfers und die aus ökonomischer Sicht wenig sinnvollen Energiepreisobergrenzen oder –rabatte können die negativen Effekte des Ukrainekriegs zumindest teilweise kompensieren. So plant der Bund laut Medienberichten, seine Kreditaufnahme in diesem Jahr um fast 40 Mrd. Euro auf 140 Mrd. Euro zu steigern. Die Finanzierung dürfte kein Problem sein, auch wenn die Zinsen zuletzt deutlich gestiegen sind. Denn die Steuereinnahmen profitieren von der hohen Inflation. Anders als das Bruttoinlandsprodukt, sind die Einnahmen des Fiskus bereits deutlich über den Vorkrisentrend gestiegen. Im März stieg das gesamtstaatliche Steueraufkommen (ohne Gemeinden) um über 17% im Jahresvergleich, wobei die Umsatzsteuer um nahezu 27% zulegen konnte.
Der Zinsanstieg seit Jahresbeginn ist insbesondere vor dem Hintergrund der Geldpolitik zu sehen. Diese ist im Ton seit einiger Zeit deutlich schärfer geworden. Einige Mitglieder des Notenbankrats können sich einen ersten Zinsschritt bereits im Juli vorstellen. Der Belgier Pierre Wunsch sieht den Einlagensatz am Jahresende bereits über der Nulllinie, was angesichts des aktuellen Niveaus von -0,5% etwa drei Zinsschritte impliziert und eine deutliche Verschärfung der Geldpolitik darstellen würde. Ob die EZB tatsächlich so vorgehen wird, darüber könnte die nächste Notenbanksitzung am 9. Juni Aufschluss geben. In einer Rede betonte Präsidentin Christine Lagarde vor kurzem, dass der Notenbankrat warten sollte, bis mehr Daten vorliegen würde. Dabei verwies sie auf das Update der Prognosen der EZB, welches die Mitarbeiter der Notenbank für die Juni Sitzung vorbereiten. Mehr Sicherheit bezüglich des weiteren Gangs der Konjunktur sollte es der EZB leichter machen, den Startschuss für die erste Zinsanhebung seit 2011 zu signalisieren.