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KW 17/22 – Unser Chefvolkswirt kommentiert

Schon seit längerem klafft eine Lücke zwischen der Stimmung in der Industrie und der von Haushalten. Bei ersteren hat sich laut monatlicher Ifo-Umfrage in Deutschland im April die Stimmung unerwartet stabilisiert, nachdem sie im März unter dem Eindruck des Ukraine Kriegs deutlich eingebrochen war. Ähnlich sieht es im Euroraum aus. Dort hatte sich zwar die Lageeinschätzung im verarbeitenden Gewerbe im Vergleich zum Vormonat verschlechtert, allerdings in geringerem Maße als zuvor berichtet.
Auf der anderen Seite hat sich das Verbrauchervertrauen merklich eingetrübt. Wie die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) berichtet, war die Stimmung der Haushalte noch nie so schlecht wie im vergangenen Monat. Die mangelnde Konsumlaune ist gut nachvollziehbar, bedenkt man, dass die Inflation in Deutschland im April entgegen den Erwartungen weiter angestiegen ist. Statt von 7,3% auf 7,2% zu fallen, betrug der Preisauftrieb 7,4%. Doch nicht nur die Stimmung ist schlecht, auch die tatsächlichen Ausgaben sind merklich gesunken. Im März sanken die Einzelhandelsumsätze im Jahresvergleich unerwartet drastisch um über 5%. Analysten hatten nur mit einem kleinen Rückgang von 0,5% gerechnet.
Wie der Krieg die deutsche Industrie im ersten Quartal abseits der Stimmungsschwankungen tatsächlich belastet, werden wir erst am 6. Mai erfahren. Dann werden die Zahlen der Industrieproduktion für den Monat März berichtet. Der Konsens der Auguren rechnet mit einem klaren Minus von über 1%. Sollte es so kommen, dann wäre das aus Sicht des Gesamtquartals ein kleines Plus, da im Januar und Februar die Produktion nach vorläufigen Schätzungen bereits um insgesamt 1,6% zulegen konnte.
Die Bundesbank hatte sich in ihrem jüngsten Monatsbericht noch um die deutsche Wirtschaft besorgt gezeigt und eine Stagnation befürchtet. Das statistische Bundesamt konnte ihr aber diese Sorge zunächst nehmen. In seiner ersten Schätzung gehen die Statistiker davon aus, dass die deutsche Wirtschaft im ersten Quartal leicht im Umfang von 0,2% expandieren konnte. Davon profitiert auch der Arbeitsmarkt. Wie die Bundesagentur meldete, blieb die Arbeitslosenrate unverändert bei 5,0% während die Zahl der Arbeitslosen weiter sinken konnte. Dies könnte vielleicht auch dazu beitragen, dass sich die Stimmung der Haushalte in den nächsten Monaten wieder etwas aufhellt. Wichtiger als der Arbeitsmarkt bleibt aber für die Konsumlaune der weitere Gang der Inflation. Hier überwiegen nach wie vor die Risiken, angefangen von einem möglichen Gasembargo Russlands bis zu den Entwicklungen von Covid-19 in China und den damit verbundenen Auswirkungen auf die weltweiten Lieferketten.
Die Aussichten auf hartnäckig hohe Inflation belasten nicht nur die Haushalte, sondern zunehmend auch die Europäische Zentralbank. Nachdem sich dort der Ton in den letzten Monaten deutlich verschärft hat, gab nun auch Präsidentin Christine Lagarde deutlich zu verstehen, dass es mit den Wertpapierankäufen der Notenbank schon bald vorbei sein könnte. Während es zuvor hieß, das Pandemiekaufprogramm könnte irgendwann im dritten Quartal enden, heißt es nun, dass die Wahrscheinlichkeit für ein frühes Ende, womöglich schon im Juli, recht hoch ist. Die Entscheidung dafür werde vermutlich am 9. Juni fallen, wenn der Notenbankrat sich wieder trifft. Dann wird es auch Zeit sein, so Frau Lagarde, den Einlagenzins ins Auge zu nehmen. Dies wiederum könnte verklausuliert bedeuten, dass im Juli der erste Zinsschritt seit vielen Jahren anstehen könnte. Überraschend käme dies nicht, rechnet doch eine zunehmende Zahl von Analysten mit dieser Entscheidung.
Wie sich diese Entscheidung auf die allgemeine Befindlichkeit der „Wirtschaftssubjekte“ auswirken wird, dürfte spannend werden. Einerseits wird es diejenigen freuen, die unter den Negativzinsen der EZB gelitten haben, angefangen von den Banken selbst bis zu den Sparern. Auch all diejenigen, die die Notenbank für ihr Zögern gescholten haben und eine gewisse Mitschuld an der hohen Inflation sehen, dürften sich etwas zufriedener zurücklehnen. Anders dürften es diejenigen sehen, die bisher von günstigen Krediten profitiert haben. Dies waren nicht nur die Unternehmen, deren Investitionen unattraktiver geworden sind, sondern auch Haushalte, deren Traum vom Eigenheim oder der Anlage in „Betongold“ angesichts gestiegener Bauzinsen in etwas weitere Ferne gerückt ist. Welcher Effekt überwiegt, bleibt daher abzuwarten. Klar ist aber auch, dass eine Wirtschaft, die nicht unter einer akuten Krise, aber rekordhoher Inflation leidet, nicht mehr auf Negativzinsen und Notkaufprogramme angewiesen sein sollte. Dies dürfte auch die EZB im Hinterkopf haben, wenn sie im Juni den Ausblick auf die kommenden Monate vorstellt.