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KW 19/22 – Unser Chefvolkswirt kommentiert

Die Arbeitsmärkte entwickeln sich weiterhin erfreulich, wenn auch mit ersten Anzeichen von „Ermüdung“. Im Euroraum erreichte die Arbeitslosenrate im März ein neues Rekordtief von 6,8%. In Deutschland verharrte die Arbeitslosenrate im April auf ihrem Vorkrisenniveau von 5,0%. Doch wie die Bundesagentur für Arbeit erklärte, verlangsamt der Krieg in der Ukraine den Aufschwung am Arbeitsmarkt. So sank die Zahl der Arbeitslosen um 13.000, was weniger als erwartet war und den geringsten Rückgang der vergangenen zwölf Monate darstellt.
Doch diesen Zahlen gelingt es angesichts rekordhoher Inflation nicht, die Konsumlaune der Haushalte zu beflügeln. Wie in der letzten Woche berichtet, hatten sich die Einzelhandelsumsätze in Deutschland unerwartet schwach gezeigt. Ähnlich sieht es im Euroraum aus. Dort stiegen die Umsätze nur um 0,8% im Vergleich zum Vorjahresmonat und damit deutlich weniger als erwartet.
Die hohe Inflation und der Krieg lasten nicht nur auf der Konsumlaune, sondern verhageln auch Unternehmen und Finanzanalysten die Stimmung. Das monatliche Barometer der EU Kommission, die Umfrage zur wirtschaftlichen Zuversicht im Euroraum, fiel auf ein 1-Jahrestief. Insbesondere Haushalte und Industrieunternehmen blickten sorgenvoll in die Zukunft. Die von der Firma Sentix befragten Finanzanalysten waren so pessimistisch wie zuletzt im Juni 2020.
Selbst bei den Notenbanken grassiert das Virus des Wachstumspessimismus. Die Mitglieder des EZB, Mario Centeno und Fabio Panetta, machen sich Gedanken über Stagnationsrisiken. Das wäre ein wirtschaftliches Umfeld, das von hoher Inflation und niedrigem Wachstum gekennzeichnet ist. Herr Centano sieht eine derartige Stagnation als mögliches Szenario und betont daher die Bedeutung der kommenden Konjunkturdaten, die über das zweite Quartal Auskunft geben werden. Für Herrn Panetta ist der wirtschaftliche Aufschwung beinahe zum Stehen gekommen, er sieht die Volkswirtschaft „de facto stagnieren“. Auch die Bank of England zeigt sich besorgt und warnt vor Rezessionsrisiken für die britische Wirtschaft.
Diese Sorgen hindern die Notenbanken aber nicht daran, ihren geldpolitischen Kurs zu verschärfen. Im Vordergrund steht vielmehr die Bekämpfung der Inflation, die sich immer weiter von ihren Zielmarken entfernt. So hob die Bank of England ihren Leitzins von 0,75% auf 1,0% und damit auf den höchsten Wert seit 2009. Weitere Anhebungen werden folgen, wenn auch vermutlich im geringerem Ausmaß als die Finanzmärkte es erwarten. Die US Notenbank Fed entschied sich zum ersten Mal seit über 20 Jahren wieder für eine Zinsanhebung von 50 Basispunkten und ließ durchblicken, dass weitere Schritte im gleichen Umfang in den nächsten Monaten folgen werden.
Die Europäische Zentralbank hat sich zwar noch nicht durchringen können, an der Zinsschraube zu drehen. Doch zunehmend erwarten die Währungshüter einen baldigen Zinsschritt, vermutlich schon im Juli. Bis zum Jahresende könnte der Einlagensatz von derzeit -0,5% schon über die Nulllinie notieren, meint Ratsmitglied Francois Villeroy de Galhau, sofern die Volkswirtschaft keinen Rückschlag erleidet. Isabel Schnabel ergänzt, dass höhere Zinsen notwendig seien, damit die Haushalte nicht das Vertrauen in die Fähigkeit der Notenbank verlieren, die Inflation im Zaum zu halten. Der langjährige Trend fallender Zinsen, könnte sein Ende erreicht haben, so Frau Schnabel. Damit dürfte sie Recht haben. Denn wie EZB Chefvolkswirt Philip Lane erklärte, wird die Inflation im Euroraum wohl nicht wieder zu ihrem niedrigen Vorkrisentrend zurückkehren. Der Fokus der Marktteilnehmer dürfte sich daher verschieben. Statt über den Monat zu spekulieren, in dem der erste Zinsschritt erfolgt, steht nun im Vordergrund die Frage, wohin die Reise geht, also, wie weit die Zinsen ansteigen werden. Um diese Frage zu beantworten, hilft das Konzept des sogenannten „neutralen Zinses“. Dies ist der Zinssatz, der mit einer Volkswirtschaft im Gleichgewicht vereinbar ist und daher das Wachstum weder dämpft noch anschiebt. Der neutrale Zins ist nicht direkt beobachtbar, sondern kann nur geschätzt werden. In einer jüngst veröffentlichten Studie sehen die Analysten von Bloomberg diesen neutralen Zins für die Eurozone bei nahe 1,5%. Ob es die EZB schafft, die Leitzinsen bis dahin zu normalisieren, bleibt abzuwarten. Wie Herr Villeroy betonte, achtet die Notenbank darauf, dass die Volkswirtschaft nicht ins Straucheln kommt. Risiken, die dazu führen, gibt es hinreichend, angefangen von einer übermäßigen Verschärfung der Geldpolitik in den USA bis zu einem Stopp russischer Gasimporte. Von daher gilt, was Chefvolkswirt Philip Lane ebenfalls zu Protokoll gab. Die Zeitschiene der geldpolitischen Normalisierung ist „intrinsisch“ unsicher, mit anderen Worten – auf die Konjunkturdaten kommt es an.