Hotline:  089 588 055 491

KW 20/22 – Unser Chefvolkswirt kommentiert

Die vergangene Woche erwies sich aus volkswirtschaftlicher Sicht recht arm an Konjunkturdaten, die dann auch noch zum Teil ein widersprüchliches Bild boten. In der Vorwoche hatten wir über die Investorenumfrage der Firma Sentix geschrieben. Dieser zufolge hat sich die Zuversicht der Finanzmarktteilnehmer über den Gang der Konjunktur im Mai erneut eingetrübt. Dieser Pessimismus erschien nachvollziehbar, angesichts der Unsicherheit über die volkswirtschaftlichen Konsequenzen des Kriegs in der Ukraine, der hohen Inflation und der baldigen Verschärfung der Geldpolitik im Euroraum.
Doch nur einen Tag später veröffentlichte das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung seine monatliche Umfrage, bei der Finanzanalysten zu ihren Konjunkturerwartungen befragt werden. Demnach hat sich die Stimmung in diesem Monat überraschend aufgehellt. Der Konsens hatte mit einer dritten Verschlechterung in Folge gerechnet.
Ebenfalls in dieser Woche veröffentlichte das Europäische Statistikamt, Eurostat, seine Schätzung über die Entwicklung der Industrieproduktion im Euroraum. Diese war im März um fast 2% im Monatsvergleich eingebrochen, was zwar im Rahmen der Erwartungen war, aber dennoch den größten Rückgang seit April 2020 darstellte. Nun hätte man vor diesem Hintergrund eine schwache Entwicklung des Bruttoinlandprodukts im ersten Quartal erwarten können. Doch die ursprüngliche Schätzung eines Zuwachses von 0,2% wurde sogar leicht übertroffen. Von einer „de facto Stagnation“, vor der EZB Ratsmitglied Fabio Panetta gewarnt hatte, also (noch) keine Spur. Während also das Bruttoinlandsprodukt um 0,3% zulegen konnte, stieg die Zahl der Beschäftigten im gleichen Zeitraum sogar um 0,5%.
Wenig Widersprüchliches wurde dagegen von der „Inflationsfront“ berichtet. Die endgültige Schätzung der deutschen Inflation blieb für den Monat April unverändert bei 7,8%, gemessen am EU-harmonisierten Warenkorb. Die Großhandelspreise stiegen im gleichen Monat sogar um fast 24% im Vergleich zum Vorjahr, was erneut den höchsten Wert seit 1962 darstellt.
Die Mischung aus anhaltend hoher Inflation und zum Teil leicht besseren Wachstumszahlen haben die Marktteilnehmer dazu veranlasst, für die EZB einen etwas aggressiveren geldpolitischen Kurs einzupreisen. Statt „nur“ einen Anstieg von 86 Basispunkten bis zum Jahresende wie in der Vorwoche zu erwarten, rechnen die Händler am Geldmarkt nun mit 106 Basispunkten Zinsanstieg. Dies würde dazu führen, dass der Einlagensatz von derzeit -0,5% auf 0,5% ansteigen würde. Ob ein solcher Anstieg häppchenweise in 25 Basispunktschritten erfolgt oder auch mittels einer Anhebung um 50 Basispunkte an einem der Sitzungstermine in diesem Jahr, würde vom weiteren Gang der Inflation abhängen, argumentierte der niederländische Notenbankchef Klaas Knot. Im Blick hat dieser das Risiko, dass der Inflationstrend eine breitere Basis bekommt, also nicht nur von den Energie- und Rohstoffpreisen getrieben ist. Dann, so Herr Knot, kann ein größerer Zinsschritt nicht ausgeschlossen werden.
Ein Risiko, das Herr Knot und die anderen sogenannten Falken im Notenbankrat nicht erwähnen, ist die Gefahr eines wirtschaftlichen Rückschlags. Auf diesen Punkt hatte vor kurzem noch der Chef der französischen Notenbank hingewiesen. Anlass dafür könnte insbesondere ein Gasembargo gegenüber Russland sein, angesichts der Abhängigkeit vieler EU-Mitgliedsstaaten von russischen Importen. Die Folgen eines solchen Szenarios hat die EU Kommission anlässlich ihrer Frühjahrsprognose durchgerechnet. Dabei errechnete sie für den Euroraum eine Abschwächung des Wachstums auf nur noch 0,2% in 2022, statt des erwarteten Zuwachses von 2,7%. Im Folgejahr wäre nur mit einem mageren Wachstum von 1,3% zu rechnen. Gleichzeitig würde die Inflation in 2022 auf über 9% ansteigen.
Ein solches Szenario würde die EZB vor ein ernstes Dilemma stellen, ob sie eher auf das schwächere Wachstum reagieren soll, auch wenn ein niedrigerer Leitzins im Fall einer Rationierung von Gas den Unternehmen wenig helfen würde. Oder sollte sie lieber auf die höhere Inflation achten, welche sie mit höheren Zinsen aber auch nicht in den Griff bekommen kann. Man kann nur wünschen, dass sich diese Frage zwischen „Pest und Cholera“ erst gar nicht stellen wird.