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KW 21/22 – Unser Chefvolkswirt kommentiert

Obwohl immer mehr Wirtschaftsdaten seit dem Einmarsch Russlands in der Ukraine veröffentlicht werden, ergibt sich (noch) kein einheitliches Bild für die weitere Entwicklung der Ökonomien. Vor dem Kriegsausbruch gab es noch viele optimistische Prognosen, die durch den Nachholbedarf der Volkswirtschaften, volle Auftragsbücher in der Industrie und hohe Ersparnisse der Haushalte gestützt wurden. Doch die russische Invasion in der Ukraine hat die bereits bestehenden Probleme in den globalen Lieferketten verschärft. Auch die Lockdowns in China im Rahmen der No-Covid-Strategie verstärken die Engpässe weiter. Steigende Inflationsraten erhöhen zudem das Risiko, dass die Zentralbanken ihre Geldpolitik erheblich straffen müssen. Angesichts dieser komplexen Gemengelage ist es weiterhin schwer zu sagen, in welche Richtung sich die Wirtschaft entwickeln wird.
Sowohl die Börsen als auch die volkswirtschaftlichen Frühindikatoren spiegeln momentan diese Unsicherheiten wider. In den USA führten in der vergangenen Woche die enttäuschenden Quartalsberichte der beiden Einzelhandelsunternehmen Walmart und Target zu deren schlimmsten Kursverlusten seit 1987 und zu einem starken Einbrechen des Gesamtmarktes, was die dort Herrschende Nervosität widerspiegelt. Die Volatilität an den europäischen Börsen ist ähnlich hoch. Viele volkswirtschaftliche Stimmungsindikatoren behaupten sich aber relativ gut gegen die Störungen der Weltwirtschaft, wohingegen andere, wie z.B. das Verbrauchervertrauen, aufgrund der hohen Inflation vielerorts sehr pessimistisch sind.
So stiegen die deutschen Erzeugerpreise im April sogar um 33,5% im Jahresvergleich und erreichten damit einen neuen Rekord. Insbesondere die Preise für verarbeitete Lebensmittel und Getränke haben sich stark beschleunigt und stiegen im April um 5% gegenüber dem Vormonat. Im Vereinigten Königreich stieg die Konsumenteninflation im April sprunghaft auf 9% und erreichte damit den höchsten Stand seit mehr als 40 Jahren. Dem Land wird nun die zweifelhafte Ehre zuteil, die höchste Inflationsrate in der G7-Gruppe zu haben. Gleichzeitig ist das Verbrauchervertrauen im Königreich angesichts der hohen Lebenshaltungskosten auf den niedrigsten Stand seit fast 50 Jahren gesunken. Dabei liegen die Werte jetzt sogar unter den Werten, die während der Finanzkrise sowie während der Locksdowns und der Rezessionen in den 1980er und 1990er Jahren verzeichnet wurden. In der Eurozone hat sich das Verbrauchervertrauen im April zwar stabilisiert, der Wert liegt aber mit -21.1 Punkten noch immer nahe dem Allzeittief von -24.5 Punkten zu Beginn der Pandemie.
Auf der anderen Seite gibt es eine Reihe positiver Meldungen, die darauf schließen lassen, dass viele Wirtschaftssubjekte dem aktuellen Sturm durchaus trotzen. So ist in Deutschland beispielsweise der ifo-Geschäftsklimaindex im Mai unerwartet gestiegen, obwohl eigentlich mit einem weiteren Rückgang der Stimmung gerechnet wurde. Der Anstieg ist auf eine bessere Bewertung der aktuellen Lage zurückzuführen, wobei die deutschen Unternehmen ihre aktuelle Lage als relativ „normal“ einschätzen. Hinzu kommen andere Unternehmensumfragen wie beispielsweise die Einkaufsmanagerindizes, die sich weiterhin im expansiven Bereich halten, auch wenn sie etwas eingebüßt haben. In den USA gab es zudem ermutigende Zahlen aus der Industrie und seitens der Konsumenten: Die Produktion stieg im April um 1,1% gegenüber dem Vormonat und damit stärker als erwartet. Die Einzelhandelsumsätze stiegen im April ebenfalls um 0,9% gegenüber dem Vormonat. Bemerkenswert ist hier, dass zudem die bisherige Schätzung für März (+0,5%) auf 1,4% hochrevidiert wurde.
Diese Dichotomie bzw. Unsicherheit findet sich schließlich auch bei den Notenbanken wieder: Das Protokoll der EZB-Sitzung vom April enthielt hitzige Diskussionen. Die „Falken“, die für ein Anziehen der geldpolitischen Zügel stehen, riefen zu schnellem Handeln auf, um „die Entschlossenheit des EZB-Rates zu demonstrieren, mittelfristig Preisstabilität zu erreichen“. Derweil warnten die ihnen wiedersprechenden „Tauben“, „dass sich eine zu aggressive Anpassung des geldpolitischen Kurses als kontraproduktiv erweisen könnte, da dies das Wachstum verringern würde, während die Inflation erhöht bliebe, weil die Geldpolitik nicht in der Lage sei, die unmittelbaren Ursachen der hohen Inflation zu bekämpfen“. Inzwischen scheint diese Meinungsschlacht, zumindest für die nähere Zukunft, entschieden zu sein: In einem Blog-Eintrag hat EZB-Präsidentin Christine Lagarde die weitere EZB-Politik jüngst konkretisiert: Die EZB wird demnach ihre Nettokäufe von Vermögenswerten Anfang Juli beenden und die Zinssätze auf ihren Sitzungen am 21. Juli und 8. September anheben. Danach werde die Politik datenabhängig sein und die EZB die Normalisierung der Zinssätze auf flexible Weise fortsetzen.
Der Vorsitzende der US-Notenbank, Jay Powell, bestätigte unterdessen, die Fed werde die Geldpolitik so lange straffen, bis sie „klare und überzeugende“ Beweise dafür sieht, dass die Inflation wieder in Richtung des 2%-Ziels zurückgeht. Er fügte hinzu, dass die Fed „überhaupt nicht zögern wird“, die Zinsen über den neutralen Wert hinaus anzuheben, wenn die Daten dies rechtfertigen, obwohl er wiederholte, dass die Notenbank angesichts der Stärke des Arbeitsmarktes und des Ausmaßes, in dem die Inflation über dem Ziel der Zentralbank liegt, nicht genau weiß, wo dieses Niveau liegt.
Die Pläne für die nahe Zukunft scheinen daher, zumindest aus geldpolitischer Sicht, relativ gesetzt zu sein. Zunächst wird es mit den Leitzinsen eindeutig nach oben gehen. Nach diesen (fast sicheren) Zinserhöhungen, bleibt das weitere Handeln indes unbestimmt. Die Notenbanken wollen sich dann auf die Daten aus der Wirtschaft stützen, um zu entscheiden, wie es weitergehen soll. Es bleibt für die Notenbanker daher zu hoffen, dass dann das Bild, das die Daten liefern, klarer sein wird. Denn es ist zumindest fraglich, ob die vielen Einflussfaktoren, die die wirtschaftliche Gemengelange aktuell prägen, bald verschwinden werden.