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KW 22/22 – Unser Chefvolkswirt kommentiert

Die US-Börsen kannten in der vergangenen Woche annähernd nur eine Richtung: Nach oben. Der Leitindex S&P 500 verzeichnete seine beste Woche seit November 2020, wobei er im Laufe der Woche um ca. 8% zulegen konnte und dabei eine siebenwöchige Verlustserie, zumindest vorübergehend, beendete. Die europäischen Aktienmärkte ließen sich ebenso mitreißen und verzeichneten den höchsten Wochenanstieg seit Mitte März. Wie so oft an den Finanzmärkten, war es die Hoffnung, in diesem Fall die Hoffnung auf eine Umkehr der Inflationsentwicklung, die hinter dieser Aufholjagd stand.


Die US-Verbraucherpreise sind nämlich im April leicht zurückgegangen. Während sie im März noch um 6,6% zulegten, ging die Rate im Folgemonat auf 6,3% zurück. Die Kernrate, die die volatilen Energie- und Nahrungsmittelpreise ausklammert und die im Fokus für die Zinsentscheidungen der US-Notenbank Fed steht, ging zeitgleich von 5,2% auf 4,9% zurück. Dies ließ die Hoffnung aufkeimen, dass in den USA der Höhepunkt der Preisentwicklung bereits überschritten ist, was eine noch rigidere Geldpolitik als aktuell erwartet unwahrscheinlicher macht. Gleichzeitig lieferten Daten aus der Wirtschaft ein etwas trüberes, aber dennoch solides Bild zur aktuellen Lage. So verschlechterte sich angesichts der starken Preissteigerungen die Stimmung der US-Verbraucher Ende Mai weiter. Hinzu kam, dass die Wirtschaftstätigkeit in den USA im Mai auf ein Viermonatstief gesunken war: Der Einkaufmanagerindex sank um 2,2 Punkte auf 53,8, wobei Werte über 50 Punkte immerhin noch auf Wachstum hindeuten.


Diese Meldungen wurden durch die Protokollauszüge aus der Sitzung der US-Notenbank vom 14. Mai bestätigt. Einige Notenbankmitglieder hatten hier bereits angemerkt, dass die Inflation ihren Höhepunkt erreicht haben könnte. Außerdem ging aus den Protokollen hervor, dass die Ratsmitglieder die Fundamentaldaten der Wirtschaft als solide einschätzten und das kurzfristige Risiko einer Rezession als gering ansahen.
Auch im Euroraum hat sich die Wirtschaftstätigkeit leicht abgekühlt. Hier gingen die Werte der Einkaufsmanagerindizes ebenso zurück. Jedoch deutet immer noch Einiges auf ein anhaltendes Wachstum hin, da die aufgestaute Nachfrage aufgrund der Pandemie die negativen Auswirkungen des Krieges in der Ukraine noch überwiegt. Insbesondere der Indikator für den Dienstleistungssektor verzeichnete im Mai das zweitstärkste Wachstum in den letzten acht Monaten, da die Verbraucher das Wachstum in den Bereichen Tourismus und Freizeit antreiben. Die Industrie wurde unterdessen durch Lieferprobleme infolge der russischen Invasion und durch die Lockdown Maßnahmen in China beeinträchtigt. „Es bleibt abzuwarten, wie lange dieser Aufschwung im Dienstleistungssektor anhalten kann, insbesondere angesichts der steigenden Lebenshaltungskosten“, vermeldete dazu S&P Global.


In Deutschland konnte sich die Stimmung in der Wirtschaft ebenso behaupten: Die Ifo-Geschäftserwartungen sind im Mai unerwartet gestiegen, blieben aber unter ihrem langfristigen Durchschnitt. „Die deutsche Wirtschaft hat sich angesichts von Inflationssorgen, Materialengpässen und dem Krieg in der Ukraine als widerstandsfähig erwiesen“, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest. „Es gibt derzeit keine erkennbaren Anzeichen für eine Rezession.“ Unabhängig davon warnte die Bundesbank, dass die Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal „bestenfalls leicht“ wachsen werde.
Von bereits sinkenden Inflationsraten wie in den USA kann man hierzulande jedoch noch träumen. Der Preisanstieg in der Eurozone bzw. in Deutschland hat im Mai weiter zugelegt und lag über den Erwartungen der Experten. Die Verbraucherpreise standen um 8,1% über dem Niveau des Vorjahresmonats. Im April hatte der Wert noch bei 7,5% gelegen. Ähnlich ist die Situation in Deutschland. Hier stiegen die Preise im Mai um 7,9% im Vergleich zum Vorjahresmonat, nach 7,4% im April. Laut Bundesbank dürfte die Inflation für Deutschland in diesem Jahr bei durchschnittlich 7% liegen. Das ifo-Institut erwartet, dass sich die Preissteigerungen ab dem zweiten Halbjahr 2022 langsam abschwächen werden. Für das gesamte Jahr wird eine durchschnittliche Inflationsrate von etwa 6% erwartet. Die jüngste Umfrage des ifo-Instituts ergab, dass zum ersten Mal seit vielen Monaten der Anteil der Unternehmen, die ihre Preise in den nächsten drei Monaten erhöhen wollen, zurückgegangen ist. Der Anteil sank von 61,8% auf 57,8% im letzten Monat, was immer noch der zweithöchste Wert seit dem Jahr 2005 ist.


Doch nicht nur die Konsumenten fragen sich, wann endlich die Fahnenstange bei den Preissteigerungen erreicht ist. Auch die Zentralbanken schauen gebannt auf die Veröffentlichungen der Statistikämter. Jüngst hatte EZB-Präsidentin Christine Lagarde darauf hingedeutet, dass der tatsächliche Weg der Zinsentwicklung davon abhängt, wie sich die Inflation weiter entwickeln wird. Hier gab es in den letzten Monaten zahlreiche Überraschungen, da die Preise wiederholt stärker gestiegen sind als erwartet. Vielleicht helfen die nun anlaufenden Entlastungen der Verbraucher bei Zugreisen und an den Tankstellen, die Inflation in Deutschland zumindest zeitweise etwas einzudämmen. Nicht nur die Börsen würde dies freuen.