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KW 29/22 – Unser Chefvolkswirt kommentiert

Die Wachstumsperspektiven für den Euroraum sind eigentlich gar nicht so schlecht. In der monatlichen Umfrage der Nachrichtenagentur Bloomberg erwartet der Durchschnitt der Anfang Juli befragten Volkswirte ein wirtschaftliches Wachstum von immer noch 2,7% in diesem Jahr. Gleichzeitig befürchten aber 45% der Umfrageteilnehmer, dass der Euroraum in den kommenden 12 Monaten eine Rezession durchleiden könnte. Mögliche Gründe für eine solche Bruchlandung gibt es viele. Wie eine andere Umfrage verrät, sorgen sich die Volkswirte vor allem über die möglichen Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine und über die hohe Inflation.
Wie wir letzte Woche an dieser Stelle geschrieben hatten, sind die sogenannten harten Daten am aktuellen Rand zum Teil trotz dieser Wachstumssorgen sogar überraschend positiv. Im Gegensatz zu den Stimmungsindikatoren, die teilweise auf langjährige Tiefststände gefallen sind. So konnte etwa die Industrieproduktion im Euroraum im Mai um rund 0,8% im Monatsvergleich zulegen. Das war mehr als doppelt so viel wie von Analysten erwartet worden war. Auch der Vormonat wurde leicht nach oben korrigiert, soll heißen, der Zuwachs war sogar etwas stärker als anfänglich berichtet. Ähnlich sieht es beim Baugewerbe aus. Dessen Produktion konnte im gleichen Monat um 0,4% zunehmen, nachdem im April noch ein Rückgang von 1,0% verbucht wurde.
Auch auf der anderen Seite des Atlantiks überraschten die Konjunkturdaten positiv. Die Einzelhandelsumsätze verbesserten sich im Juni deutlich um 1,0%, der Vormonat war etwas weniger schwach als zuvor erwartet und eine Umfrage der Fed zur Lage der Industrie im Bundesstaat New York verbesserte sich unerwartet deutlich. Die letztgenannte Entwicklung könnte sich als Vorbote für den Euroraum erweisen und würde darauf hinweisen, dass die Stimmung zuvor übertrieben pessimistisch war und sich nun der „Realität“ angleicht. Ob dem so ist, werden wir in einigen Tagen erfahren. Am 22. Juli wird der Einkaufsmanagerindex für den Euroraum veröffentlicht, am 25. Juli berichtet das Ifo Institut über das Geschäftsklima bei Deutschlands Unternehmen.
Die Inflation hat sowohl in Deutschland und auch im Euroraum im Juni einen neuen Höchststand erreicht, von jeweils 7,6% bzw. 8,6%, wie die Statistikämter diese Woche nochmal bestätigten. Die Meldungen entsprachen dabei exakt den vorläufigen Schätzungen, die bereits vor ca. drei Wochen berichtet wurden. Ob dies nur ein vorläufiger Höhepunkt war, oder weitere Rekorde drohen, hängt von einer Reihe von Faktoren ab. Einerseits haben insbesondere in Deutschland Maßnahmen wie das 9-Euro Ticket und der Tank Rabat den Preisanstieg nur temporär gedämpft. Andererseits haben die Rezessionssorgen zuletzt zu einem deutlichen Rückgang bei den Rohstoffpreisen geführt. Öl der Sorte Brent fiel in der vergangenen Woche unter die Marke von 100 Dollar je Barrel. So „günstig“ war das Fass Erdöl nicht mehr seit Beginn des russischen Angriffskriegs. Auch die Inflationserwartungen, welche für die Notenbanken als Hinweis für möglichen zukünftigen Preisdruck gesehen werden, haben sich in den vergangenen Wochen beruhigt. Insofern spricht einiges dafür, dass die Inflation tatsächlich wie von den Analysten erwartet ab der zweiten Jahreshälfte langsam abebben könnte.
Diese Überlegungen dürften auch für die EZB eine Rolle spielen. Die Geldpolitiker beraten am 9. Juli, wie stark die erste Zinsanhebung seit zehn Jahren ausfallen soll. Im Vorfeld hatte die Notenbank eine Anhebung um 25 Basispunkte angedeutet. Wie Bloomberg aber mit Verweis auf „mit den Überlegungen vertrauten Personen“ berichtet, könnte auch eine Anhebung der Zinssätze um das Doppelte in Erwägung gezogen werden. Grund dafür wäre das sich verschlechternde Inflationsumfeld. Wofür auch immer sich die EZB entscheidet, bis März nächsten Jahres werden die Leitzinsen ihren Höhepunkt bei rund 1,5% erreichen, vermuten die von der Nachrichtenagentur befragten Volkswirte.
Bei ihrer Zinsentscheidung wird die Notenbank auch an das Risiko eines russischen Gasstopps denken. Dieser könnte das Wachstum dämpfen, aber gleichzeitig die Inflation mittels höherer Energiepreise weiter anfeuern. Die EU Kommission hat hierzu eine neue Schätzung veröffentlicht. Ein Ende der Gaslieferung könnte das Wachstum im Euroraum um 0,6% bis 1,0% verringern, sofern es ein gewöhnlicher Winter wird. Ein strenger Winter hingegen könnte die Einbußen auf 1,5% erhöhen. Dies dürfte zu wenig sein, um die EZB von ihrem Zinserhöhungskurs abzubringen. Im Gegenteil ist davon auszugehen, dass derart milde Vorhersagen (im Gegensatz zu manchen Prognosen aus Deutschland, die zweistellige Einbrüche befürchten) dazu führen werden, die Inflationsbekämpfung in den Vordergrund zu stellen. Für die Volkswirtschaft wäre dies eine neue Erfahrung, einen wirtschaftlichen Abschwung zu erleben, ohne gleichzeitig auf die tatkräftige Unterstützung der Notenbanken hoffen zu dürfen.