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KW 9/22 – Unser Chefvolkswirt kommentiert

Seit Beginn des Ukraine Konflikts am 24. Februar haben sich die Erschütterungen an den Finanzmärkten in Grenzen gehalten. Unter starken Schwankungen hat der Deutsche Aktienindex DAX nur kleine Verluste hinnehmen müssen. Rüstungsaktien verbuchten sogar zweistellige Kurszuwächse. Hier gehen Anleger davon aus, dass die westlichen Staaten zukünftig einen größeren Teil ihres Staatshaushalts für Verteidigung ausgeben werden. Selbst Deutschland, dass sich hier in der Vergangenheit zurückgehalten hat, wird dieses Jahr 100 Mrd. Euro bereitstellen, um die Bundeswehr zu modernisieren. Ab 2024 sollen mehr als 2% des Bruttoinlandprodukts in Verteidigungsausgaben fließen.

Am Ölmarkt hat der Konflikt deutlichere Spuren hinterlassen als an der Börse. Doch mit einem Preis von rund 100 US-Dollar für ein Fass der Sorte Brent blieb der Zuwachs hinter anfänglichen Befürchtungen zurück. Das Investmenthaus Goldman Sachs rechnet mit einem Anstieg auf 115 US-Dollar innerhalb des nächsten Monats. Ob es dazu kommt, hängt nicht nur von den westlichen Sanktionen und Russlands Verhalten ab. In dieser Woche trifft sich zum einen die OPEC+ Gruppe. Bislang hat sie an ihrem Plan festgehalten, die Produktion jeden Monat nur um zusätzliche 400.000 Barrel pro Tag zu erhöhen. Gleichzeitig stehen die Verhandlungen zwischen dem Iran und den USA über eine Erneuerung des Atomabkommens kurz vor der Zielgeraden. Einen Erfolg vorausgesetzt, könnte das Land ab März damit beginnen, wieder deutlich mehr Öl zu fördern. Und schließlich kündigte US Präsident Biden an, zusammen mit seinen Verbündeten 60 Mio. Barrel aus der strategischen Ölreserve freizugeben.

Inwieweit die Krise das Geschäftsklima der Unternehmen belastet, ist noch nicht erkennbar. Selbst der am 1. März veröffentlichte Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe der Firma Markit umfasst nur den Zeitraum vom 10. bis zum 21. Februar. Im Vergleich zum Vormonat sank der Indikator leicht. Doch gleichzeitig wurde das höchste Auftragsplus seit August 2021 gemeldet. Mit Spannung dürfte daher die Analystenzunft auf die nächste Veröffentlichung der Umfrage blicken, die am 24. März ansteht. Ein weiterer Rückgang würde nicht überraschen. Das Ausmaß jedoch wird Auskunft geben, wie sehr sich der Konflikt und das vom Westen verhängte Sanktionsregime auf die Wirtschaft auswirkt.

Die Aussichten auf noch höhere Inflation und möglicherweise etwas schwächeres Wirtschaftswachstum haben das Gespenst der „Stagflation“ neu belebt. Gleich drei Ratsmitglieder der EZB äußerten sich in diesem Sinne. Mario Centano sprach sich für eine Fortsetzung der geldpolitischen Normalisierung aus, warnte aber gleichzeitig, dass ein stagflationsähnliches Szenario nicht unmöglich sei. Auch Olli Rehn sieht es als möglich an, dass die russische Invasion in der Ukraine in eine Stagflation münden könnte. „Außergewöhnliche Umstände erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. Dies gelte für die Geld- und die Fiskalpolitik“, ergänzte Herr Rehn. Yannis Stournaras wurde noch deutlicher. Für ihn sind die Auswirkungen des russischen Einmarsches kurzfristig stagflationär. Er warnte aber davor, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen und die Geldpolitik zu früh zu straffen.

Im Dezember war die EZB noch davon ausgegangen, dass die Wirtschaft im Euroraum in diesem Jahr um gut 4% zulegen könnte. Das dürfte sich aus heutiger Sicht als zu hoch erweisen. Gleichzeitig sollte die Inflationsprognose von 3,2% in diesem Jahr mit Sicherheit zu niedrig sein. Die von Bloomberg am 14. Februar veröffentlichte Konsensus Schätzung hatte bereits mit knapp 4% Inflation gerechnet. Mittlerweile dürfte es deutlich mehr sein. Stagflation sieht zwar anders aus, doch die Unsicherheit darüber wie es mit der Konjunktur weitergeht, ist zurecht erhöht.

Die Marktteilnehmer haben angesichts dieser hohen Unsicherheit ihre Erwartungen bezüglich der Geldpolitik der EZB leicht angepasst. Vor der Krise hatten sie noch mit zwei Zinsanhebungen in diesem Jahr gerechnet. Dies hätte den Einlagensatz von derzeit -0,5% zum ersten Mal seit 2014 auf null ansteigen lassen. Die neue Umfrage von Bloomberg, die am 1. März veröffentlicht wurde, sieht nun den ersten Zinsschritt von 0,25 Prozentpunkten erst im Januar 2023.

Ob nun der erste Schritt der EZB Ende dieses Jahres oder erst Anfang 2023 erfolgt – der Anfang vom Ende der sehr lockeren Geldpolitik ist absehbar. Negative Renditen für 10-jährige Bundesanleihen, wie wir sie heute vor dem Hintergrund der Krise sehen, dürften daher bald der Vergangenheit angehören.