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Neues Inflationsziel gesucht – ist die US-Fed der EZB voraus?

Zum fünften Mal in Folge meldete die Europäische Statistikbehörde Eurostat eine negative Inflation für die Eurozone. Die Kerninflation, also eine Erhebung bereinigt um Energie- und Lebensmittelpreise, lag zum Jahreswechsel bei lediglich 0,2%. Damit gerät die Europäische Zentralbank (EZB) erneut unter Druck: Zu geringe oder gar negative Inflationsraten sind nicht mit dem Ziel der Preisstabilität vereinbar. Dieses ist laut bisher geltender EZB-Einschätzung bei einer Teuerungsrate von „knapp unter aber nahe 2%“ erfüllt. Die Marke gilt als für die Wirtschaft angemessen. Denn sie bewahrt einen ausreichenden Sicherheitsabstand zur Deflationszone und hält mögliche Folgen einer Überschätzung der Inflation (Messfehler) noch gering. Ansonsten könnten fallende Preise eine Abwärtsspirale mit sinkenden Inflationserwartungen auslösen. Dies hätte zur Folge, dass Konsum und Investitionen langfristig stagnieren bzw. abnehmen und somit das Wirtschaftswachstum bremsen.

 

Aufgaben der EZB
Das primäre Ziel der EZB ist laut EU-Verträgen: Die Sicherung der Preisstabilität. Dennoch lassen jene EU-Verträge eine exakte numerische Bestimmung dieser Preisstabilität offen. Daher definierte EZB-Rat im Jahr 1998 erstmalig die Preisstabilität als eine mittelfristige (über einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren) Preissteigerungsrate von unter 2%. 2003 präzisierte dies der EZB-Rat, indem er das Inflationsziel von „unter aber nahe 2%“ fixierte. Dennoch fiel die Inflation, trotz der gewaltigen, expansiven Geldpolitik, auf den tiefsten Stand seit vier Jahren. Ihre Entwicklung ist daher insgesamt unbefriedigend.

 

Inflationsentwicklung und ihre Ursachen
Seit dem Jahr 2013 lag die Inflationsrate in der Eurozone stets deutlich unter dem Zielwert der EZB von „unter, aber nahe 2%“ – abgesehen von wenigen kurzzeitigen Ausnahmen. Sie entspricht dem harmonisierten Verbraucherpreisindex, der die Preisveränderung bei Waren und Dienstleistungen im Euroraum misst. Allerdings sorgten Preisveränderungen von Gütern des täglichen Bedarfs zuletzt für einen anderen Anschein. Die gefühlte Inflation gilt jedoch nur für einen Teil aller Güterklassen und spiegelt nicht den gesamten Index wieder. Dieser fiel zum Jahreswechsel, mit -0,3% bzw. 0,2% bei der Kerninflation, deutlich geringer aus. Damit befand er sich weit entfernt von der eigentlichen 2%-Marke.

In erster Linie haben Schocks die Inflation gedämpft. Aber warum? Der Grund ist plausibel: Eine Reihe Krisen, wie die Finanzkrise, die Eurokrise und zuletzt die Pandemie, führten zu einer höheren Arbeitslosigkeit und zu Einkommensverlusten. Dies dämpfte den Konsum, da Güter und Dienstleistungen weniger umkämpft waren. Zudem begünstigten strukturelle Veränderungen eine niedrige Inflationsrate: Durch die Globalisierung (z.B. der Eintritt Chinas in die WTO) verschärfte sich der Wettbewerb. Unternehmen hinterfragten ihre Standortwahl und schwächten damit den Verhandlungsspielraum für Lohnanstiege. Zugleich sorgte die Digitalisierung für eine erhöhte Preistransparenz. Diese vielen inflationsmindernden Faktoren bewirkten letztlich, dass die EZB Prognosen nicht eintrafen und das Inflationsziel verfehlt wurde.

 

Neue Flexibilität in den USA
Neben der Vollbeschäftigung steht bei der Federal Reserve (Fed) ebenfalls die Inflationsbekämpfung im Mittelpunkt. Die US-Notenbank hatte das Ziel, maximal 2% Inflation zu erlauben. Doch auch im Wirkungsfeld der Fed blieben die weltweiten Entwicklungen der letzten Jahre nicht ohne Folge. Sie verfehlte ebenfalls regelmäßig ihr Ziel. Die Glaubwürdigkeit der Währungshüterin stand daher zunehmend auf dem Spiel. Im Sommer 2020 verkündete Fed-Chef Jerome Powell schließlich einen Strategiewechsel: Künftig darf die Preissteigerung für eine Weile über 2% liegen, wenn sie sich zuvor für einen längeren Zeitraum darunter bewegt hat.

Mit dieser symmetrischen Formulierung schafft sich die Fed mehr Flexibilität. So muss sie nicht direkt bei einer in Zukunft ggf. zu hohen Inflationsrate eingreifen und kann trotzdem die Wirtschaft mit expansiver Geldpolitik unterstützen. Die Entscheidung der Fed lässt vermuten, dass die Leitzinsen noch lange Zeit bei null Prozent liegen könnten – selbst wenn die Inflationsraten das Ziel von 2% zeitweise übersteigen sollten.

 

Kontroverse über potentielle EZB Anpassung
Durch die Anpassung in den USA hat sich der Druck auf die EZB hinsichtlich Inflationsziel nicht verringert. Allerdings brachte EZB Chefin Christine Lagarde selbst, bereits kurz nach ihrem Amtsantritt Ende 2019, das Thema einer möglichen EZB Anpassung ins Spiel. Die Kontroverse zeigt beide Richtungen. Besonders die unbefriedigende Bilanz beim Inflationsziel nagte zuletzt an der Glaubwürdigkeit – ähnlich wie bei der Fed. Denn die Preisstabilität ist kein unwesentliches Ziel, sondern das essentielle Mandat, das neben anderen Faktoren die Existenz der EZB begründet. Zwar verantworteten primär ökonomische Schocks, dass Prognosen in der Vergangenheit nicht wie von der EZB erwartet eintrafen – doch ganz der Verantwortung kann sich die Zentralbank nicht entziehen. In einem Punkt sind sich Experten einig: Eine dauerhaft niedrige Inflation oder sogar Deflation kann langfristiges Wachstum im Euroraum gefährden. Denn bei zu niedrigen Preisen könnten wichtige Investitionsentscheidungen verschoben werden oder sogar ausbleiben. Allerdings könnte der EZB eine rasche Erholung der Wirtschaft zur Hilfe kommen. Sobald sich die Wirtschaft von den Folgen der Pandemie erholt, sollte auch das Preisniveau anziehen und für den nötigen Anstieg der Inflationsrate sorgen. Diesen Effekt könnten die in der Pandemie angehäuften Ersparnisse beschleunigen. Insbesondere, wenn sie durch höhere Konsumausgaben abgebaut werden und damit Güter sowie Dienstleistungen wieder stärker umkämpft halten.

Ohnehin definierte die EZB ihre Inflationsrate als mittelfristiges Ziel. So könnten die Mechanismen einer expansiven Geldpolitik in Zukunft doch noch greifen. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann mahnt jedoch: “Wir sollten nicht den Eindruck erwecken, die Geldpolitik könne die Inflation punktgenau steuern, schon gar nicht in bestimmten Quartalen“. Trotzdem erachten einige Experten das derzeitige Inflationsziel der EZB für nicht leicht verständlich. Stattdessen könnte die EZB mit einer symmetrischen Formulierung, wie bei der Fed, nachziehen und sich gleichsam nötigen Spielraum verschaffen. Wenn Notenbanken allerdings ständig ihre Ziele neu definieren, bewirkt dies auch negative Folgen für ihre Glaubwürdigkeit. Denn sämtliche Wirtschaftssubjekte sowie die Finanzmärkte wünschen sich an diesem Punkt primär eines: Klarheit.

 

Inflationsziel auf dem Prüfstand
Die EZB ist nun dabei, ihre geldpolitische Strategie zu überarbeiten und ihr Inflationsziel zu prüfen. Davor stellte Christine Lagarde bereits klar: „Wir sollten ein glaubwürdiges Inflationsziel anvisieren, das die Öffentlichkeit leicht verstehen kann.“ Diese Strategieüberprüfung soll noch bis mindestens Mitte 2021 andauern. Einige Experten gehen derzeit jedoch davon aus, dass die Inspektion des Inflationsziels womöglich früher zum Abschluss gebracht wird. Ob ein neues Ziel tatsächlich helfen kann, die Inflation auf Kurs zu bringen, bleibt abzuwarten. Die EZB selbst scheint zumindest nicht rundweg daran zu glauben: In ihren eigenen Prognosen geht sie momentan von 1,4% für 2023 aus.