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Pleitewelle – beginnt schon die nächste Krise?

Seit dem Frühjahr 2020 brachte die Corona Pandemie die Weltwirtschaft rundum ins Wanken. Geschäftsschließungen und weitere Eindämmungs-Maßnahmen haben in vielen Branchen den laufenden Betrieb eingeschränkt. Die Novemberumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) zeigte: 69% der Unternehmen erwarten einen Umsatzrückgang für das Jahr 2020. Besonders einschneidend fällt die Erwartung bei Unternehmen in Reisewirtschaft, Kultur, Freizeit und im Gastgewerbe aus. Hier liegen die Schätzungen bei über 90%. Aufwendungen lassen sich hingegen nur bedingt kürzen – sie können sogar wachsen. Um die Wirtschaft vor einer harten Rezession zu schützen, wurden schon im Sommer erste Konjunkturprogramme aus dem Boden gestampft. Zudem wurde versucht, große Konzerne wie Lufthansa oder TUI mit hohen staatlichen Beteiligungen zu stützen. Doch dies konnte nicht verhindern, dass zahlreiche Unternehmen sich hoch verschulden mussten, um ihren pandemiebedingten Umsatzeinbruch zu überdauern. Wie steht es nun um diese Unternehmen: Welche Folgen können sich ergeben? Was gilt es für die Zukunft zu beachten?

 

Staatliche Unterstützung auf Rekordniveau

Zur Existenzsicherung kleiner, mittelständischer sowie gemeinnütziger Unternehmen und Selbständiger in Deutschland, werden derzeit branchenübergreifend Überbrückungshilfen (I – III) ausgezahlt. Das Bundesprogramm ist mit bis zu EUR 24,6 Mrd. dotiert. Allerdings sind diese Hilfen für jene Unternehmen ausgeschlossen, die ihren Geschäftsbetrieb endgültig eingestellt oder Insolvenz beantragt haben. Zudem vergab die Förderbank KfW 2020 fast EUR 51 Mrd. allein an Förderkrediten zur Abfederung der Corona-Krise im In- und Ausland. Mit EUR 135 Mrd. ausgereichten Darlehen erreichte das Institut 2020 einen neuen Rekordwert und gewährte im Pandemiejahr so viele Kredite wie noch nie. Der enorme Bedarf an finanzieller Unterstützung betrifft dabei nicht nur die deutschen Betriebe. Insbesondere in Frankreich war die finanzielle Not besonders groß. Dort war das Bruttoinlandsprodukt im vergangenen Jahr um 10% eingebrochen. Rund 700.000 Unternehmen erhielten etwa EUR 120 Mrd. – vor allem aus staatlich garantierten Bankkrediten.

 

Risiken: hohe Schulden und faule Kredite

Dennoch ist das schädlichste wirtschaftliche Erbe evtl. gar nicht der Staatsschuldenberg – sondern jene Hunderte Mrd. Euro Verbindlichkeiten, welche die Unternehmen angehäuft haben. Viele Staaten, auch Deutschland, hatten im vergangenen Haushalt neue Schulden aufgenommen, um der Wirtschaft mit finanziellen Hilfen beizustehen. Laut EU-Daten machten zudem die Unternehmen im Euroraum in der ersten Hälfte 2020 mehr als EUR 400 Mrd. Schulden, verglichen mit EUR 289 Mrd. im gesamten Jahr 2019.

 

Es drohen Zombie-Unternehmen

Hohe Unternehmensschulden existierten auch vor der Pandemie. Denn durch das seit einigen Jahren anhaltende Niedrigzinsumfeld im Euroraum konnten sich viele Unternehmen günstige Finanzierungshilfen sichern. Einige finanzschwache oder gar angeschlagene Unternehmen wurden künstlich am Leben gehalten. Dies störte den natürlichen Markteintritt und -austritt von Betrieben. Mit den Eindämmungsmaßnahmen (z.B. Geschäftsschließungen) nagte die Pandemie zuletzt an der Ertragslage vieler Betriebe. Verbindlichkeiten wurden tendenziell erhöht. Zugleich erhöhte sich das Risiko ausfallgefährdeter Kredite in Verbindung mit der Zunahme so genannter Zombie-Unternehmen. Diese Bezeichnung folgt, wenn Firmen ihre Zinsaufwendungen nicht durch das Betriebsergebnis decken können. Ökonomen warnen schon lange davor, dass „Zombies“ weniger produktiv sind. Sie geben weniger für physisches und immaterielles Kapital aus und wachsen hinsichtlich Beschäftigung und Vermögen geringer als ihre profitablen Konkurrenten. Mit ihrem Ressourcenverbrauch (sog. Zombie Lending) stören sie sogar den Wettbewerb. Um hier entgegen zu wirken, empfiehlt die Bundesbank: „Hürden des Marktaustritts von Zombie-Unternehmen zu vermeiden oder abzubauen“. Konkret sollen aktuelle staatliche Hilfsmaßnahmen für unrentable Geschäftsmodelle „nur so lange wie notwendig aufrechterhalten und im Einklang mit wirtschaftlicher Erholung zurückgefahren werden“.

 

Heikel: Aussetzung der Insolvenzantragspflicht

Mit dem Aussetzen der Insolvenzantragspflicht in Deutschland bis Ende April, dürfte die Zahl von unrentablen Unternehmen weitaus höher liegen als derzeit bei den Gerichten gelistet. In Amerika zählt mittlerweile fast jedes fünfte US-Unternehmen zur Gruppe der „Zombies“. Für Deutschland, das bisher besser als die meisten anderen EU-Länder durch die Krise kam, prognostiziert die Bundesbank bis zum ersten Quartal 2021 einen Anstieg der Insolvenzen um mehr als 35%. In Frankreich war die Zahl an Unternehmenspleiten zuletzt die niedrigste seit mehr als 30 Jahren. Primärer Grund sind allerdings die umfangreichen staatlichen Unternehmenshilfen. „Es handelt sich in Wahrheit nur um eine Verschiebung der Insolvenzen“, sagt Eric Chaney, Ökonom am Beratungsinstitut Montaigne. Allerdings beliefen sich die Hilfen vor allem auf staatliche Bankkredite. „Die Risiken sind begrenzt, weil der Staat die Kredite bis zu 90 % garantiert“, erläutert Chaney.

 

Brisanz der Bankbilanz

Nicht alle Unternehmen kamen in den Genuss von staatlichen Hilfen. In Deutschland fielen beispielsweise Friseurbetriebe aus dem Raster der Überbrückungshilfe II, da deren Geschäftsschließung erst im Dezember angeordnet wurde. Kritik in Richtung Wirtschaftsministerium kam zuletzt auch von vielen Handelsverbänden: Unterstützungen werden zu langsam ausgezahlt. Wer nicht mehr über genügend eigene Mittel verfügte, dürfte daher auf seine Hausbank zurückgegriffen haben. Der oberste Bankenaufseher der deutschen Finanzaufsicht Bafin, Raimund Röseler, befürchtet, dass „die Corona-Krise für viele Banken noch schmerzhafte Folgen haben wird“. Er kritisiert, dass viele Geldhäuser beim Thema Kreditausfälle nach wie vor „tiefenentspannt“ seien. Die Bankenaufseher der EZB kalkulieren indes eine Verdreifachung ausfallgefährdeter Kredite auf bis zu EUR 1,4 Bio. – im schlechtesten Pandemiefall. Nach ihren aktuellen Statistiken umfassen die Bilanzen der Banken derzeit EUR 503 Mrd. an faulen Krediten. Der Chef der EZB-Bankenaufsicht, Andrea Enria, betrachtet einen Anstieg der notleidenden Kredite inmitten der Corona-Krise als großes Problem für die Wirtschaft. Denn Fähigkeit und Bereitschaft der Banken zur Kreditvergabe sinken, wenn Bilanzen und Eigenkapital durch hohe Bestände an faulen Krediten belastet werden.

 

Präzises Handeln gefragt

Das Versiegen nötiger liquider Mittel (sowohl vom Staat als auch vom Finanzmarkt) hätte weitaus größere Folgen: Bisher rentable Geschäftsmodelle wären durch vorübergehende Umsatzrückgänge noch härter als bisher getroffen. Sie könnten selbst zu Zombies mutieren. Gleichzeitig ist die Anzahl faktisch insolventer Unternehmen, durch die Aussetzung der Antragspflicht, derzeit noch eine Dunkelziffer. Eine abrupte Wiedereinführung könnte womöglich eine Pleitewelle begründen. Banken hätten über Nacht mit einem Anstieg der Kreditausfälle zu kämpfen. Damit dies nicht passiert, ist es wichtig, rasche und sofortige Hilfen für rentable Unternehmen zu gewährleisten und nur schrittweise zur Insolvenzantragspflicht zurückzukehren. Ebenso sind Reformen für die Wirtschaft gefragt, die ihr langfristig eine Möglichkeit verschaffen, den gewachsenen Schuldenberg überhaupt abzubauen. Schon jetzt wird damit gerechnet, dass diese Schulden in den kommenden Jahren zu langsamerem Wachstum, gedämpfter Inflation und weiterhin niedrigen Zinsen führen werden.